Bologna, jetzt erst recht!

Grafik Bachelor statt DiplomMit seiner Schelte „Die Unternehmen brauchen Persönlichkeiten, nicht nur Absolventen. Wir alle arbeiten immer länger, da ist es sinnvoll, am Anfang mehr Zeit zu investieren und eine solche Persönlichkeit auszubilden“ versucht der neue Präsident der Hochschulrektorenkonferenz (HRK), Prof. Horst Hippler, wieder einmal den Bologna-Prozeß schlecht zu reden, statt in den eigenen Universitäts-Reihen mehr für eine vernetzte Umsetzung der Inhalte zu sorgen. Denn liest man das Interview in der Süddeutschen Zeitung genauer, kritisiert er eigentlich nur die Umsetzung des Konzepts an den Universitäten und nicht an allen Hochschulen. Eine Kritik an seiner Kritik scheint notwendig.

An ganzen zwei Punkten macht Prof. Hippler seine Kritik fest. Er moniert (allerdings zu Recht), daß bei 6 Semestern ein Auslandssemester schwerfällt. Dabei übersieht er aber, daß für die Konzeption der Studiengänge die Universitäten selbst verantwortlich sind und sie auch 7-semestrige Angebote akkreditieren lassen können. Und der zweiter Punkt: „Ein Bachelor in Physik „ist nie im Leben ein Physiker“, ist für den Bachelor genauso richtig oder eben auch falsch wie für den Master. Maßgeblich dafür „was jemand ist“, ist der Vergleich zwischen der Anforderung und Erfüllung der Aufgabe und nicht der „Titel“ den er/sie trägt. Und übrigens, „Bologna“ ist ein veränder- und anpaßbarer Prozeß und kein abgeschlossenes Projekt, den die Hochschulen selbstverantwortlich gestalten könn(t)en.

Wenn man aber die grundgesetzgeschützte Freiheit der Forschung und Lehre dahin mißinterpretiert, daß man als Lehrender ohne Rücksicht auf gemeinsame Studiengangsziele eben tun und lassen darf, was man will – statt sich gemeinsam mit den Studiengangsverantwortlichen und den KollegInnen zu überlegen „was sollen die Absolventen wirklich können“ – dann braucht man sich über die Ergebnisse nicht zu wundern.

Zwei positive Errungenschaften der Reform werden so einfach unterschlagen. Noch nie gab es eine solche Vielfalt von Studiengangs- und Kombinationsmöglichkeiten, die um so erfolgreicher sind, je enger sie mit der Abnehmerseite (ob Unternehmen oder Gesellschaft!) konzipiert wurden. Und ein zielorientiertes Qualitätsmanagement der Lehre ist seit Bologna eine Selbstverpflichtung.

Der Bologna-Prozeß sollte auch nicht isoliert gesehen werden. Schon nur betriebswirtschaftlich betrachtet, gibt es eine Lieferanten (Schule!) und Abnehmerseite (Unternehmen/Gesellschaft!), die es einzubinden gilt. Und würde man ihn vernünftig in das Konzept eines lebenslangen Lernens (Kopenhagen-Prozeß) einbinden wären solche Interviews nicht nötig.

Nur einen, den zeitlichen Aspekt angesprochen. So hat man, aus den unterschiedlichsten Gründen – nur nicht aus einem bildungspolitischen Gesamtkonzept heraus – , in den letzten Jahren, die Schulzeit um 1 Jahr, den Wehr- oder Ersatzdienst um insgesamt bis zu 18 Monaten und nun das Studium auch um rund 1 Jahr verkürzt. Junge Menschen stehen nun eben bis zu 3 Jahre früher der Gesellschaft „berufsqualifiziert zur Verfügung“. Dies geht eben natürlicherweise zu Lasten einer „Persönlichkeitsentwicklung“.

Denn eine „Persönlichkeit“ kann man meiner Ansicht nach nicht „ausbilden“. Eine Persönlichkeit wird man durch vorbildhaftes, glaubwürdiges handeln im Berufs- und Alltagsleben. Allenfalls kann man inhaltliche Voraussetzung vermitteln, daran mangelt es aber häufig. Herr Prof. Hippler wäre in seiner Funktion als HRK-Präsident gut beraten hier selbst eine Vorbildfunktion einzunehmen. Denn nicht jammern, sondern handeln ist angesagt.

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