Un-Sinn Bologna-Reform?

Seit über zehn Jahren leben wir schon mit dem Bologna-Prozess, wobei nur die Studenten zumeist wissen um was es geht. Mit zwei Impulsreferaten zum Sinn oder Unsinn der Studienreform fand am Nachmittag des 8. November 2011 das 14. Netzwerktreffen der Schweizerischen Gesellschaft für Arbeitsmarktkompetenz statt. So trafen sich 46 Personalverantwortliche Schweizer und internationaler Unternehmen  in den Räumen der Akademie des Bankhauses Bank Julius Bär & Co. AG in Zürich zu fachlichem Input und zum Netzwerken.
In seinem Impulsreferat “Die Universität und ihre Feinde: Resultate, Gefahren und Perspektiven des Bologna-Prozesses” kritisierte der bekannte und für seine Eloquenz bekannte Vizedekan der Fakultät für Philosophie und Bildungswissenschaft der Universität Wien, Univ.-Prof. Mag. Dr. Konrad Liessmann, die Nichtwirkungen der Reform. Sie sei zwar keine Katastrophe geworden, aber eine bedenkenswerte Sache und eröffnete mit dem Bonmot “Bologna, hier entstand 1088 die erste Universität und 1999 endete sie dort” seinen Vortrag. In seinem Einstieg kritisierte er insbesondere die Zweistufigkeit des Studium in einen Bachelor (BA)- und Masterabschluss. Dieser Weg führe in die Irre, erzeuge der BA doch nur Studienabbrecher, die niemand brauche.

Mit zwei Hauptpunkten warb er im Weiteren für eine Reform der Reform:

  • das Konzept eines europäischen Hochschulraumes wäre ein anachronistisches, denn die Wissenschaft sei heute schon auf weltumspannenden Austausch angewiesen. Für einige Studiengänge sei ein USA-Aufenthalt ja Pflicht.
  • das Prinzip der Employability mit seiner reinen Marktorientierung rühre am Selbstverständnis der Universitäten die ja auch den “Auftrag” hätten um des Wissens als solches zu forschen.

Wesentliche Nachteile dieser Reform seien ihre hohen Kosten, die überbordende Verwaltung und die starke Strukturierung der Studiengänge. Insbesondere die zunehmende Spezialisierung der BA-Studiengänge führe mit ihrer ECTS-Einheitswährung zu einem Zielkonflikt des Anspruchs, Studieninhalte durch Modularisierung vergleichbar zu machen. So wäre insbesondere die doch so erwünschte Mobilität der Studenten gesunken, statt zu steigen.

In seinem Impulsreferat konterte Prof. Philipp Gonon vom Lehrstuhl für Berufspädagogik an der Universität Zürich mit der Headline “Bologna-Reform als Chance: Neuorientierungen in einem unübersichtlichen Feld”. Er eröffnete mit der Aussage: wenn es die Reform nicht schon gäbe, dann müsste man sie erfinden. Im wesentlichen stütze sich Prof. Gonon auf ein aktuelles Monitoring der Rektorenkonferenz der Schweizerischen Universitäten ab. Danach läge die Zufriedenheit von 3/4 der Studierenden bei sehr hoch, nur 11 % wären von ihrer Ausbildung enttäuscht. Natürlich leugnete auch er nicht, dass es Probleme in der Umsetzung gäbe. Dies lägen aber mehr an der Struktur und den starren Rahmenbedingungen wie an ihren Zielen. Und eigentlich sollte man doch eher mit der Politik über die allgemeine Bildungsunterfinanzierung diskutieren.

In der Kaffeepause diskutierten die Teilnehmer die vorab verteilten Thesen der Referenten, ergänzt und meine aus der Berufspraxis:

Prof. Liessmann:

  • Bologna: ein starrer Schematismus, der wie ein Schimmelpilz die europäischen Universitäten überzieht, mit aufgeblähten Verwaltungen, exzessiven Modularisierungen, überflüssigen Akkreditierungen, vervielfachten Graduierungen, unnötigen Evaluierungen, verwirrenden Zertifizierungen und zahllosen Reglementierungen.
  • Der Bachelor ist der Studienabschluss für Studienabbrecher. Das eigentliche akademische Studium beginnt danach.

Prof. Gonon:

  • Bologna als „sinn-“ haften Spielraum nutzen: Arbeitsmarkt- und Mobilitätsbezug als Chance wahrnehmen
  • Für eine studierendenfreundliche Reform der Bologna-Reform – Durchlässigkeit fördern, weg von bürokratischer Engmaschigkeit

Thesen aus meiner Praxis als Gutachter

  • Manche Lehrstühle oder Fachbereiche kennen weder ihre Abnehmer- noch ihre Lieferantenseite, verpacken alten Wein in neuen Schläuchen und lassen ihre Lehrenden sich hinter einem falsch verstandenen Freiheitsbegriff von Forschung und Lehre verstecken.
  • Zwei Drittel der Unternehmens-Entscheider haben von den Zielen der Bologna-Reform wenig bis gar keine Ahnung, haben folglich ihre Hausaufgaben nicht gemacht, und verpassen so die Chance ihren Fachkräftemangel durch aktive Beteiligung zu lindern.

Im vom Dr. Michael Kres moderierten und sehr angeregt geführten Publikums-Diskurs konnten leider nur wenige Punkte ange- und ihnen auch wiedersprochen werden. So sei die Mobilität nicht gesunken, sondern sogar gestiegen oder viel wesentlicher, die Reform hätte auch durch entsprechende Rechtsänderungen Seiteneinsteigern ein Hochschulstudium ermöglicht.

Manche wesentliche Reform-Punkt, wie eine stärkere Orientierung auf Softskills, der Vernetzung der Fachinhalte durch eine Stärkung der universitären Selbstverantwortung oder den Paradigmenwechsel, weg von einer Wissensvermittlung à la  Nürnberger Trichter (Input-Orientierung) hin zu einem “was sollen die Betroffenen am Ende eigentlich können und beherrschen” (Outcome-Orientierung) blieb so leider auf der Strecke. Aber auch der Punkt, ob es beim Streit um den Wegfall Dipl.-Ing. weniger um Fachinhalte als um den Titel geht, konnten nicht ausdiskutiert werden. 

Trotz allem ein interessantes Netzwerktreffen der Schweizer Kollegen, auf denen immer wieder auch umstrittene Themen aufgegriffen werden.

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