Was taugen akademische Grade?

Was taugen all die akademischen Grade (aber auch beruflichen Abschlüsse und privatenZertifikate), ob sie nun als Begriff das Diplom, den Magister oder die seit Bologna verwendeten Begriffe wie Bachelor und Master tragen?

Ist wirklich der gelernte Stoff, also das Fachwissen entscheidend, oder doch eher die Art und Weise, wie wir diesesWissen anwenden können, also die Methoden- und Sozialkompetenz? Oder zählt das aus den beiden vorangegangen Jahrhunderten übernommene gesellschaftliche Bild, dass nur der Akademiker die Krönung der Bildungsschöpfung ist?

Mein Artikel in der Weiterbildung 4/2011:

Dieser wunderschöne Sommertag in Nürnberg, Anfang August1989, sollte mein ganz besonderer Tag werden. Aber der Vorgang gestaltete sich dann doch ganz profan. Eine Mitarbeiterin des Prüfungsamtes der FH Nürnberg übergab mir mit den trockenen Worten „herzlichen Glückwunsch“ das Zeugnis und die Diplomurkunde und widmete sich dann wieder ihren Listen. Eine Abschlussveranstaltung der Hochschule mit feierlicher Übergabe? So etwas gab es damals nicht. Das war es nun, dachte ich draußen vor der Tür, nun bist du also Diplom-Betriebswirt (FH) mit Schwerpunkt Personalwirtschaft. Du hast es geschafft und bist jetzt Akademiker. Mit 35, nach schon zwölf Berufsjahren in der Technik und Menschenführung, zwar etwas spät, aber wie heißt es ja auch so schön: Lieber spät als nie. Was nutzte mir nun der Abschluss? Hatten sich die ganzen Anstrengungen gelohnt? Das Überwinden der Widerstände, sich in Thesen und Theorien einzuarbeiten, von denen ich schon aus meiner Lebenserfahrung heraus wusste, dass ich sie nie wieder anwenden würde? Trockene Vorlesungen gehört zu haben, deren Inhalte schon nach kurzer Zeit wieder zum alten Eisen gehören würden, weil zum einen die Halbwertszeit auch in der Betriebswirtschaft immer kürzer wird und ständig eben nicht gelehrter Stoff hinzukommt und ich ihn bald schon wieder vergessen haben sollte?

Nutzen für die Personalauswahl

Nicht nur seit der Diskussion um die Wertigkeit der Bachelor- und Masterabschlüsse oder um die Dissertation von Herrn zu Guttenberg
stellt sich gerade heute grundsätzlich die Frage, was taugen eigentlich akademische Abschlüsse aus Sicht der Unternehmen und für die Entscheider in der Personalauswahl oder für die Personalentwicklung? In einer Zeit, in der wir immer mehr in Ablauf- und Prozessstrukturen denken und handeln müssen. In der Aufbauorganisationen klassischer Art immer mehr an Bedeutung verlieren weil wir in einer immer virtuelleren Welt leben. Welchen Wert oder Nutzen bringen Bewerber mit, die mit solchen Zertifikaten wedeln?

Ein kurzer Ausflug in die Theorie der angewandten Auswahl soll uns die methodischen Grundlagen in Erinnerung rufen. Bekanntermaßen wendet die personalwirtschaftliche Theorie drei Kriterien bei der methodischen Überprüfung von Verfahren an, die auch in der Auswahl Anwendung finden: Die Reliabilität, also das Ergebnis muss wiederholbar sein, die Validität, also messe ich das, was ich wirklich messen will und die Objektivität, also kommen mehrere Kollegen zum selben Ergebnis. Die Praxis nennt zwei weitere Kriterien, die man üblicherweise beachtet. In jedem Fall muss das eingesetzte Verfahren dem Zweck gerecht werden, für den es verwendet werden soll, es muss einsetzbar beziehungsweise praktikabel sein und es muss natürlich im unternehmerischen Rahmen wirtschaftlich sein.

Bei der Vorauswahl geeigneter Mitarbeiter, ob als Neuzugang für eine nachzubesetzende oder neu geschaffene Anforderung oder im Rahmen der Personalentwicklung sind Diplome daher nur einen Teilaspekt des Prozesses. Denn die Noten sind ja nur einmal und in der Regel auch nur durch einen Hochschullehrer festgestellt worden. Im Rahmen eines Stellen- oder Anforderungsprofils oder einer Potenzialanalyse werden aber im Rahmen eines Vergleiches normalerweise die vermutete Fach-, Methoden-, Sozial- und Personalkompetenz und gegebenenfalls die Führungskompetenz mit dem Anforderungs- oder Stellenprofil an Hand der Unterlagen verglichen und innerhalb des Zeitverlaufs und Entwicklung bewertet.

Praktiker verstehen unter „Kompetenz“ in der Regel eine Funktion aus Erfahrung und Erfolg: K=f(E,E). Wobei wiederum unter Erfahrung die sinnvolle wiederholte Verknüpfung des fachlichen Wissens mit der Praxis verstanden wird. Die Noten der einzelnen Fächer eines Diplomes können daher in der Praxis nicht die entscheidende Rolle spielen, da sie nach Anwendung der oben genannten Theorie weder wiederholbar noch objektiv sind.

Zur Verdeutlichung sei an das „Haus der Beschäftigungsfähigkeit“, auch Arbeitsmarktfitness oder Employability genannt, erinnert. Natürlich ist das erworbene Fachwissen ein wesentlicher Teil des Fundaments. Und um im Bild zu bleiben, das Fachwissen sind die Stahlarmierung, der Kies und der Sand. Aber ohne das Binde- und Vernetzungsmittel Zement – die Fähigkeit das Wissen methodisch in der Praxis anzuwenden und die Ergebnisse kommunikativ mit anderen zu teilen sowie die notwendige innere Einstellung mitzubringen -, bleibt es brüchig.

Outcome- statt Input-Orientierung

Natürlich hat auch der akademische Bildungsbereich erkannt, dass die Vermittlung reines Fachwissens und dessen statische Benotung noch keinen guten Akademiker hervorbringt. Seit der Konferenz der Bildungsminister in Bologna 1999 soll der gleichnamige Prozess, auch Studienreform genannt, die Beschäftigungsfähigkeit der Akademiker insbesondere durch das Stärken der außerfachlichen Kompetenzen erhöhen. Die wesentlichen Ziele sind:

  • Modularisierung des Stoffes um dadurch Inhalte zu präzisieren aber auch eine studentische Mobilität zwischen den Hochschulen zu erleichtern
  • Förderung der arbeitsmarktrelevanten Qualifikationen, auch durch Einbindung eines Praxissemesters und/oder Auslandsaufenthaltes
  • Schaffung eines Systems leicht verständlicher und international vergleichbarer Abschlüsse durch ein zweistufiges System in Form gestufter Bachelor- und Master-Abschlüsse
  • Straffung der Studienzeiten, Bachelor in 6 bis 8 Semester und Master dann in 4 bis 2 Semester
  • Einführung eines Leistungspunktesystem (ECTS) und eines Diploma Supplements sowie eines Transcript of Records (differenzierte Notenübersicht zu den Modulen) zur Dokumentation der Leistung
  • Stärkung der Qualitätssicherung der Ausbildung auch durch eine Akkreditierung der Studiengänge.

In der Umsetzung sollen die Lehrenden einen Paradigmenwechsel vornehmen. Nicht mehr der Nürnberger Trichter einer Wissensvermittlung ist die Methode, sondern das, was die Studierenden können, erfolgreich einsetzten und ergebnisorientiert umsetzen sollen ist das Ziel. Die Fachleute sprechen daher von der Outcome- statt Input-Orientierung.

Um so mehr erstaunt, mit Blick aus der Praxis, wie Notenbildung an Hochschulen im Wesentlichen immer noch erfolgt. Im Vordergrund steht die singuläre, am System und nicht Individuum getaktete, abzuliefernde, nach der zwar gültigen physikalischen Formel, „Leistung ist Arbeit in der Zeit“, des Einzelnen. Dies findet häufig immer noch ohne den Blick auf die heute so notwendig vernetzt arbeitende Wertschöpfungskette statt. Die Bewertung von Team- oder Gruppenleistung oder eine stärkere Einbindung von Praxisteilen und Auslandssemestern bleiben die Ausnahme. Was eigentlich um so erstaunlicher als, als sich fast in jedem betriebswirtschaftlichen oder technischen Modulhandbuch, als Teil der Studienordnung, das Wissen um Projektarbeit und Projekte selbst, Teil der Inhalte ist.

Ein, wenn auch extremes akademisches Beispiel aus der jüngsten Vergangenheit meiner seit über sechsjährigen gutachterlichen Tätigkeit in der Akkreditierung wirtschaftswissenschaftlicher Studiengänge mag dieses, schon an den Hochschulen bestehende, Dilemma – wir bewerten den Einzelnen, aber wollen die Teamleistung und wir bewerten den quantitativen Inhalt und weniger das qualitative Ergebnis – veranschaulichen.

Im Rahmen der Akkreditierung wirtschaftswissenschaftlicher Studiengänge einer Universität untersuchten wir auch das Modul Wirtschaftsrecht, das inhaltlich und in seiner Outcome- Orientierung sehr mager dargestellt war. Es konnte schlichtweg nicht ermittelt werden, welcher Inhalt und wenn mit welchem Ergebnis ein Zusammenhang mit dem wirtschaftswissenschaftlichen Studienziel verknüpft ist. Da der Lehrstuhlinhaber bei der Vor-Ort-Begehung nicht anwesend war, er gehörte dazu noch zu einer anderen Fakultät, richtete sich die Frage an die anwesenden Lehrenden. Die sinngemäße Antwort des Dekans: Zum Inhalt können wir leider nichts sagen. Und auf Nachfrage, wie den dieses Fach inhaltlich in den Studiengang eingebunden sei? Wir können doch einem Kollegen nicht vorschreiben, was er lehren soll. Gott sei Dank ein extremer Einzelfall, denn viele Hochschulen bemühen sich erfolgreich, den Paradigmenwechsel auch durch eine stärkere Vernetzung mit der betrieblichen Praxis durch eine auf die Unternehmen zugeschnittene Module herzustellen.

KMU und der Bologna-Prozess

Und wie sehen heute das Wissen und der Umgang der Praxismit diesen Studiengängen und den Notenergebnissen aus? Sollen doch gerade diese neuen Studiengänge mit dem wesentlich ausführlicheren Transcript of Records und dem Diploma Supplement einen Supply Chain Management trainierten und voll einsetzbaren Absolventen nachweisen?

Dieser Frage bin ich vor Kurzem mit Kollegen bei mittelständischen Unternehmen, im Rahmen einer Abfrage um den den Kenntnisstand der Abnehmerseite über den Bologna-Prozesses nachgegangen (ARUS Führungskräftebefragung 2010). Ziel war es zu ermitteln, inwieweit die Entscheider in den Unternehmen über den Bologna-Prozessinformiert sind und wie sie die Ergebnisse bewerten. Auch wenn bei solchen Befragungen häufig nur grundsätzlich an der

Fragestellung interessierte und informierte Personen teilnehmen und auch die Anzahl nicht repräsentativ war, so sind diese Ergebnisse in Teilen übertragbar.

Bezeichnet war zum Beispiel das Ergebnis der Frage nach den Erfahrungen zu Bologna und die Möglichkeit sich in diesem Prozess aktiv einzubringen. Zwar können sich über alle Unternehmensgrößen betrachtet rund 43 % aktiv beteiligen, aber über die Hälfte scheitern schon an fehlenden Ansprechpartner oder sehen schlicht keine Möglichkeit dazu. Differenziert man die Ergebnisse nach Unternehmensgröße, zeigt sich, dass insbesondere kleinere mittelständische Unternehmen hier noch einen wesentlichen Informationsbedarf haben (siehe Grafik).

Auch eine weitere Frage zeigt dem Praktiker kein erstaunliches Ergebnis auf. Gefragt wie denn die Unternehmen die neuen Abschlüsse summarisch betrachten, beurteilen 54 % das Ergebnis positiv und nur 15 % negativ. Differenziert man nach den einzelnen Kompetenzen, so fällt auf, dass auf dem Weg von der Fach- über die Methoden- und Sozialkompetenz bis zur Führungskompetenz die Werte um fast je eine Notenstufe sinken. Unterscheidet man zusätzlich noch nach der Gruppe der Entscheider, so zeigen sich weitere Quellen möglicher Diskussionen um den Wert von Noten, denn kurz gesagt, Geschäftsführer entscheiden eher Hop oder Top während die Personaler Kollegen eher eine drei vergeben.

Schon diese beiden Auszüge aus dieser, zugeben der summarischen, Befragung zeigen, dass eine Bewertung nach Diplomen und über deren Benotung, eine höchst schwierige ist, denn sie unterscheidet nur quantitativ ohne die Qualität der Hochschule, ihrer Lehrenden und die Anwendungsfähigkeit des Absolventen zu berücksichtigen (eine Befragung getrennt nach Bachelor und Master ist zur Zeit in Arbeit).

Ein Nebensatz sei mir an dieser Stelle erlaubt, da ich ja nur von „Diplomen“ spreche, Begriffe im deutschsprachigen Raum aber häufig überinterpretiert werden. In letzter Zeit nehmen gerade aus dem Bereich der Hochschulen die Stimmen zu, doch bitte an dem akademischen Grad „Diplom“ festzuhalten. Dieser sei ein weltweit anerkanntes Qualitätssiegel und müsse weiter verliehen werden dürfen, während die Bezeichnungen Bachelor und Master niemals diesen Stellenwert erreichen würden.

Ich persönlich halte von dieser Diskussion nichts. Für mich erzielt immer noch der Mensch mit seiner umfassenden Persönlichkeit, bestehend aus dem sinnvollen Verknüpfen seiner Kompetenzen, das unternehmerische Ergebnis. Unter welcher akademischen Bezeichnung er seine Erfahrung einsetzt und damit Erfolge erzielt, halte ich für zweitrangig.

Erfolg in der Praxis zählt

Was taugen also Diplome im Sinne des Titels? Im Grunde sagen diese Dokumente nur aus, dass eine ganz bestimmte Ausbildung, in der Regel mit einer bestimmten Fachrichtung zu einem ganz bestimmten Zeitpunkt an einer ganz bestimmten Ausbildungsstätte dort erfolgreich abgeschlossen wurde. Qualitative Vergleiche, zum Beispiel zum akademischen Umfeld oder den Kommilitonen, finden sich selten. Denn von der Möglichkeit das Leistungsbild des Absolventen in einem Ranking zu seinen Kommilitonen aufzuzeigen machen nur die wenigsten Hochschulen gebrauch. Der „Wert & unternehmerische Nutzen“ zeigt sich aber erst an Hand von Erfolgen aus der Praxis.

Kurz gesagt, ein Diplom ist erst einmal nur ein Stück Papier mit der Angabe der belegten Fächer und der darin erzielten Note. Im Rahmen von Bewerbungsunterlagen taugen Diplome bei Bewerbungen frisch nach dem Studium – also ohne praktische Unternehmenserfahrung, allenfalls als Anhalt, ob der oder die Betroffene zu einem bestimmten Zeitpunkt in der Lage war ein spezifisches Wissen abzurufen. Im Vorstellungsgespräch selbst spielen dann solche Urkunden nicht mehr die entscheidende Rolle.

Und hier ein zweiter Nebensatz. Uns allen ist ja häufig die von Prof. Mehrabian in den 1979er Jahren aufgestellten Gleichung zur Gesprächswirkung bekannt. Mimik und Körpersprache wirken zu 55 %, Stimme und Tonlage zu 38 % und der Sachinhalt – also damit auch Diplome – nur noch zu 7 %. Auch wenn man an diese Ergebnisse mit einiger Skepsis herangehen sollte, so zeigt einem doch die eigene Gesprächsführung ähnliche Ergebnisse auf. Und auch der Glaube an diese These alleine führt ja häufig schon zu einer Self Fulfilling Prophecy.

Und zum Schluss, es es aus ganz praktischer Sicht auch noch – ja für beide Teile – die bis zu sechs Monate dauernde Probezeit. Auch wenn dieses Verfahren, in Erinnerung an die eingangs genannte Theorie, dem Grundsatz der Wirtschaftlichkeit nicht ganz Rechnung trägt, zumindest aber dem Grundgedanken einer gegenseitigen Fairness.

Übrigens, wir haben dann doch noch unseren stilvollen Abschluss zelebriert. Mit Unterstützung eines unserer Professoren haben wir BWL-Absolventen dann doch noch eine festliche Abendveranstaltung mit Tanz und Kabarett organisiert und uns die Diplome „überreichen“ lassen. Und meine erste akademische Stelle fand ich aufgrund der erwünschten Lebenserfahrung, die Urkunde war nur eine unternehmerische Notwendigkeit.

[Diesen Artikel konnte ich in der „Weiterbildung, Zeitschrift für Grundlagen, Praxis und Trends; Heft 4-2011, veröffentlichen]

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